TierTiere in der Archäologie

Die Domestikation von Pflanzen und Tieren stellt eine der grundlegendsten Errungenschaften des Menschen dar, ohne die die kulturelle Entwicklung nicht in der uns bekannten Form möglich gewesen wäre. Als Teilbereich der Bioarchäologie befasst sich die Archäozoologie daher mit elementaren Themen der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Dabei wäre eine Reduktion des Faches auf reine domestikationsgeschichtliche und haustierkundliche Aspekte jedoch bei weitem zu kurz gegriffen.

Beziehungsebenen zwischen Menschen und Tieren sind vielschichtig und manifestieren sich in unterschiedlichster Weise, Foto: H. Böhm, Ulan Bator, Mongolei.

Beziehungsebenen zwischen Menschen und Tieren sind vielschichtig und manifestieren sich in unterschiedlichster Weise, Foto: H. Böhm, Ulan Bator, Mongolei.

Die Archäozoologie (oft auch Zooarchäologie) beschäftigt sich in umfassender Weise mit Mensch-Tierbeziehungen vergangener Kulturen. Dabei bewegt sich das Fach im Spannungsfeld zwischen kulturhistorischen und naturwissenschaftlichen Verfahren. Für die Datenaufnahme und Analyse sind osteologisch-naturwissenschaftliche Kriterien maßgeblich, während die Interpretation der Ergebnisse vor allem kulturhistorische Aspekte umfasst.

Die Erkenntnis, dass es sich um tierische Überreste aus archäologischen Fundstellen handelt, ist essentiell für das Verständnis des Faches und ein wesentliches Unterscheidungskriterium zu Disziplinen wie der Paläontologie oder Zoologie. Durch diese, banal erscheinende, Feststellung ist definiert, dass alle Funde im Kontext menschlicher, also kulturell determinierter, Strukturen und Handlungsabfolgen zu sehen sind und somit mannigfaltige, kulturell bedingte Filter auf sie wirkten. Dies betrifft nicht nur die Haustiere vergangener Kulturen, sondern gleichermaßen auch Wildtiere, ob sie nun einer Nutzung unterlagen oder nicht. In diesem Sinne betreibt die Archäozoologie eine Archäologie mithilfe zoologischer Reste.

Umzug einer mongolischen Nomadenfamilie; tierische Ressourcen stellen und stellten unverzichtbare Bestandteile menschlicher Existenz dar, Foto: H. Böhm, Zentralmongolei.

Umzug einer mongolischen Nomadenfamilie; tierische Ressourcen stellen und stellten unverzichtbare Bestandteile menschlicher Existenz dar, Foto: H. Böhm, Zentralmongolei.

Die Quellen:

Mineralisierte Hartsubstanzen von Tierkörpern stellen in der Regel die Masse des uns zur Verfügung stehenden Fundgutes dar – unter besonderen Erhaltungsbedingungen können jedoch auch Weichteile (Fell, Haut, Muskulatur etc.) oder Reste von Wirbellosen überliefert sein. Auch Exkremente, Spuren (Abdrücke von Pfoten), etc. können unter Umständen erhalten bleiben und ergänzen das archäozoologisch relevante Fundmaterial. Historische Schrift- und Bildquellen müssen zwar unter dem Blickwinkel der Geschichtswissenschaft, bzw. der Kunstgeschichte gesehen werden, können jedoch wertvolle Anhaltspunkte für die Interpretation eines Fundmaterials liefern.

Aussagemöglichkeiten:

Durch die Breite der Quellenbasis und dem umfassenden Ansatz der Fachdisziplin lassen sich Erkenntnisse zu fast allen Lebensbereichen vergangener Kulturen gewinnen. Dies betrifft vor allem Fragen der Domestikationsgeschichte und Haustierkunde, der Wirtschaftsweise und Ressourcennutzung, der Ernährung, der Raumnutzung und deren Organisation, des Abfallverhaltens, des sozialen Status und dessen Ausdrucksformen, der religiösen Glaubensformen und deren Manifestationen, des Handels, der Tier- und Schlachtkörpernutzung, sowie des Umgangs des Menschen zu Tieren und zur Umwelt.

In praktisch allen religiösen Glaubensvorstellungen nehmen Tieren zentrale Positionen ein, Foto: H. Böhm, Nordmongolei.

In praktisch allen religiösen Glaubensvorstellungen nehmen Tieren zentrale Positionen ein, Foto: H. Böhm, Nordmongolei.

Neben diesen Aspekten können aber auch weiterführende, ökologische bzw. biologisch/zoologische Erkenntnisse gesammelt werden. So können über archäozoologische Daten auch Informationen zu Aussterbe-, bzw. Ausrottungsprozessen, zum Auftreten von Kulturfolgern, zur historischen Verbreitung von Wildtieren, zur Auswirkung von Viehwirtschaftsformen und Jagd auf die Umwelt und zur Landschaftsentwicklung gewonnen werden. Dies ist aber wiederum, im Sinne einer archäologisch/historischen Humanökologie, für die Kulturgeschichte des Menschen relevant.

In vielen Fällen handelt es sich bei archäozoologischen Fundmaterialien um Nahrungsreste wodurch vorrangig Fragen der Ernährung und des Abfallverhaltens zum Tragen kommen. Da diese Bereiche einer starken kulturellen und sozialen Variabilität unterliegen, eignen sie sich gut zu vergleichenden Analysen, mit einem starken Erkenntnispotential.

Manche, wohlbekannte Haustiere sind die einzigen Vertreter ihrer längst ausgestorbenen Wildformen – z.B. die bovinen Hausrinder als Form des Auerochsen (Ur).

Manche, wohlbekannte Haustiere sind die einzigen Vertreter ihrer längst ausgestorbenen Wildformen – z.B. die bovinen Hausrinder als Form des Auerochsen (Ur).

Die Aufbereitung tierischer Nahrungsressourcen bedingt oftmals vielschichtige Prozesse, die sich an den Knochenfunden widerspiegeln können. Diese Handlungsabläufe umfassen die Schlachtung, die Häutung und Schlachtkörperzerlegung, die kulinarische Verwertung und schließlich die Entsorgung. Derart detailreiche Handlungsabfolgen lassen sich nur an wenigen archäologischen Fundkategorien rekonstruieren.

Multiple Hackspuren an einem Epistropheus eines Hausrindes, Foto: R. Gold, Inst. f. Paläontologie, Uni Wien.

Multiple Hackspuren an einem Epistropheus eines Hausrindes, Foto: R. Gold, Inst. f. Paläontologie, Uni Wien.

Dies bedingt jedoch auch, dass ArchäozoologInnen meist mit isoliertem und stark fragmentiertem Knochenmaterial konfrontiert sind. Dadurch werden die zoologischen oder haustierkundlichen Aussagemöglichkeiten vielfach eingeschränkt und auf wenige vollständig erhaltene Skelettelemente oder seltene Tierskelette reduziert. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur physischen Anthropologie, der sich in teilweise abweichenden Methoden, Fragestellungen und Herangehensweisen äußert.

Ins Sediment eingebettete Tierknochen und Zähne sind, abhängig vom Bodentyp, sehr gut erhaltungsfähig, wodurch sie in vielen Fällen zusammen mit Keramikfragmenten die häufigste Fundkategorie archäologischer Ausgrabungen darstellen. Archäozoologische Fundmaterialien liegen oft in einer enormen Stückzahl und mit hunderten Kilogramm Gewicht vor, sodass eine vollständige Bearbeitung vielfach den Rahmen des Möglichen sprengt. Alleine durch ihre schiere Masse stellen archäozoologische Funde daher eine nicht zu vernachlässigende Datenquelle dar!

Zudem können sie wertvolle Informationen zur Fundstellengenese bzw. zu Schichtbildungsprozessen liefern, da sich in den unterschiedlichen Erhaltungsformen von Tierknochen mannigfaltige, im weitesten Sinn als „taphonomisch“ zu beschreibende, Faktoren widerspiegeln können, die für die Interpretation von Befunden und menschlichen Handlungsabfolgen von großer Bedeutung sind. Das Aussagepotential, das in der kontextorientierten Analyse von Veränderungen an osteologischem Material und deren Oberflächen (etwa Fragmentationsgrad, Oberflächenerhaltung, Verrundungsgrad, Bruchmorphologie, Verbisspuren, etc.) liegt, ist hierbei nicht zu unterschätzen.

Tierische Hartsubstanzen als Werkstoff:

Ein weiteres Betätigungsfeld innerhalb der Archäozoologie liegt sicherlich in der Analyse von Knochenartefakten, die ohne ein fundiertes anatomisch/osteologisches Wissen nicht erkannt oder beurteilt werden können. Gleichermaßen werden allerdings auch natürliche Knochenausformungen von Seiten der Archäologie auf Grund ihrer Morphologie als Artefakte angesprochen, obwohl sie keinerlei Nutzung unterlagen.

Seitenstrahlmetapodien von Equiden (oben) sehen Knochenartefakten (unten) oft zum Verwechseln ähnlich, Foto: H. Böhm.

Seitenstrahlmetapodien von Equiden (oben) sehen Knochenartefakten (unten) oft zum Verwechseln ähnlich, Foto: H. Böhm.

Tierische Hartsubstanzen waren bis weit in historische Zeitepochen ein relativ einfach verfügbarer, gut zu bearbeitender und adäquater Rohstoff für eine weite Bandbreite von Einsatzmöglichkeiten, wodurch Knochenartefakte einen wesentlichen Bestandteil der materiellen Kultur darstellten, der zudem wertvolle Hinweise auf ökonomische Aspekte liefern kann. Ohne ein entsprechendes anatomisches/archäozoologisches Wissen können jedoch Fragen der Rohstoffselektion und der Herstellungsprozesse nicht hinreichend geklärt werden.

 

 

 

Paläopathologie:

Ein weiteres Betätigungsfeld erschließt sich über die Analyse krankhafter Veränderungen an Tierknochen, die über Haltungsbedingungen, Nutzungsformen, veterinärmedizinische Maßnahmen, und direkte Mensch-Tier-Interaktionen Aufschluss geben können.

Arthropathien an Hüftgelenken von Rindern, Foto: R. Gold, Inst. f. Paläontologie, Uni Wien.

Arthropathien an Hüftgelenken von Rindern, Foto: R. Gold, Inst. f. Paläontologie, Uni Wien.

Verheilte Fraktur einer Hühner Elle (links) im Vergleich zu einer unpathologischen, Foto: R. Gold, Inst. für Paläontologie, Uni Wien.

Verheilte Fraktur einer Hühner Elle (links) im Vergleich zu einer unpathologischen, Foto: R. Gold, Inst. für Paläontologie, Uni Wien.

 

 

 

 

 

 

 

Chronologischer Rahmen:

Chronologisch bewegt sich die Archäozoologie meist im Holozän, jedoch können sich Überlappungsbereiche mit dem Pleistozän ergeben (Paläolithikum). Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit der Paläontologie unabdingbar.

Aktuelle Methoden und benachbarte Wissenschaften:

Methoden, die seit relativ kurzer Zeit zur breiteren Anwendung zur Verfügung stehen – Analyse von DNA und stabiler Isotope – spielen auch in der archäozoologischen Forschung eine zunehmende Rolle. Hierbei kommen vor allem abstammungs- und domestikationsgeschichtliche Aspekte zum Tragen, wie auch Fragen der Migration und Ressourcennutzung.

Weiters können sich Überschneidungsbereiche mit der (forensischen) Entomologie und der Parasitologie ergeben, die ebenfalls wichtige Hinweise auf menschliche Verhaltensweisen und komplexe Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier geben können.

In diesem Sinne, ist die Archäozoologie nicht bloß als Randerscheinung archäologischer Forschung zu sehen, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Auseinandersetzung mit vergangenen Kulturen.

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